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Das Magazin für albanischen Wein & Feinkost

Von Illyrien ins Glas

Vlosh: Die eigenwillige Küstentraube von Vlora

Vlosh ist Albaniens rätselhafteste Rebsorte: rustikal, charakterstark und fast nur rund um die Narta-Lagune bei Vlora zu finden. Ein Porträt für Entdecker.

Von Dennis Shalja · · 8 Min. Lesezeit

Die Bucht von Vlora mit den Bergen der Halbinsel Karaburun – Heimat der Vlosh-Traube
Foto: Dennis Shalja / Agron

Es gibt Rebsorten, die wollen gefallen. Und es gibt Vlosh: eine Traube, die seit Jahrhunderten an der südwestalbanischen Küste wächst, sich um Moden nicht schert und Weine hervorbringt, die man nicht nebenbei trinkt – sondern erlebt. Wer die albanische Weinwelt wirklich ausloten will, kommt an dieser Sorte nicht vorbei.

Zuhause zwischen Lagune und Olivenhainen

Die Heimat des Vlosh ist so eigenwillig wie der Wein: die Gegend um die Narta-Lagune nördlich von Vlora, dort, wo die Adria ins Ionische Meer übergeht. Salzwiesen, Flamingos im Winter, dazwischen Weingärten und einige der ältesten Olivenhaine Albaniens – ein Landstrich, in dem die Landwirtschaft noch aussieht wie vor Generationen.

Hier, auf sandigen Böden nahe der Küste, hat sich Vlosh gehalten, während anderswo internationale Sorten einzogen. Die Rebe gilt als robust und ertragsschwach zugleich – eine Kombination, die sie für industrielle Produktion uninteressant machte. Ihr Glück: So blieb sie das, was sie ist.

So schmeckt Vlosh

Wer zum ersten Mal ein Glas Vlosh vor sich hat, sollte die Erwartung „moderner Rotwein” zu Hause lassen:

  • Farbe: mittleres bis dunkles Rubinrot, oft mit ziegelroten Reflexen schon in der Jugend
  • Nase: herbe rote Frucht – Hagebutte, Sauerkirsche –, dazu Erde, getrocknete Kräuter, manchmal ein salziger Hauch, den Einheimische gern der Lagune zuschreiben
  • Gaumen: kräftiges, leicht raues Tannin, moderate Frucht, trockener, herber Abgang

Vlosh ist der Gegenentwurf zum gefälligen Weltmarktwein: ein Wein, der nach seinem Ort schmeckt – und nach nichts anderem.

Traditionell wird Vlosh in der Region auch als sehr junger, fast rustikaler Landwein getrunken; ambitionierte Erzeuger wie die Kantina Balaj bei Vlora zeigen inzwischen, dass die Sorte mit sorgfältiger Lese und etwas Reife deutlich mehr kann. Die Stilbreite ist entsprechend groß – vom charmant-ruppigen Dorfwein bis zur ernsthaften, gereiften Interpretation.

Ein Klon wie kein zweiter: der Färber-Vlosh von Çobo

Die jüngste Wendung der Vlosh-Geschichte schreibt ausgerechnet ein Weingut, das gar nicht an der Küste liegt: Çobo bei Berat. Nach Angaben der Familie arbeiteten staatliche Agronomen in der kommunistischen Ära rund zwanzig Jahre daran, den Original-Vlosh von Vlora mit einer weiteren Lokalsorte zu kreuzen – heraus kam ein eigenständiger Klon, der nach dem Ende des Regimes beinahe wieder verschwand: Nur zwei Hektar überlebten, am Leben gehalten von einem einzigen Bauern.

Die Familie Çobo spürte diesen Restbestand auf, erkannte seinen historischen Wert und pflanzte acht weitere Hektar nach. Heute stehen dort 23.000 Reben, die gerade einmal 15.000 Flaschen im Jahr ergeben. Das eigentlich Spektakuläre aber steckt in der Beere selbst: Während beim klassischen Vlosh – wie bei fast allen roten Sorten – nur die Schale gefärbt ist, ist der Çobo-Klon eine Färbertraube (Teinturier): Auch sein Fruchtfleisch leuchtet tiefrot. Nach eigenen Angaben ist Çobo das weltweit einzige Weingut, das diese Spielart besitzt und keltert. Die ganze Geschichte – von der Züchtung in der Planwirtschaft bis zur Rettung, mit exklusiven Fotos aus der Kelter – erzählen wir in Çobos Färber-Vlosh: Die Rettung der seltensten Traube Albaniens.

Am Tisch: deftig gewinnt

Das markante Tannin verlangt nach Gegengewicht. Vlosh glänzt zu:

  • Lamm aus dem Ofen oder vom Spieß – der Klassiker der Region
  • Wild und geschmortem Rind – je kräftiger die Sauce, desto besser
  • Gereiftem Schafskäse und deftigen Meze
  • Paça oder Bohneneintöpfen – die bäuerliche Küche ist sein natürliches Umfeld

Leichte Sommergerichte, Fisch oder Salate überfordern ihn dagegen – dafür gibt es den weißen Shesh.

Für wen ist Vlosh?

Ehrliche Antwort: nicht für jeden – und genau darin liegt sein Wert. Wer Pinot-Seidigkeit sucht, wird fremdeln. Wer aber Sorten wie Sagrantino, Tannat oder alte Feldweine liebt, wer Weine mit Herkunftsstempel sammelt und Gästen gern etwas einschenkt, das garantiert noch niemand am Tisch kannte: Das ist deine Traube.

In Deutschland ist Vlosh bislang eine echte Rarität – gelegentlich führen ihn Balkan-Spezialisten, ansonsten bleibt die Reise nach Vlora der sicherste Weg zur Flasche. Unsere Kaufberatung halten wir aktuell, sobald sich verlässliche Bezugsquellen auftun.

Unser Fazit

Vlosh ist das Gegenteil von Einstiegswein – und gerade deshalb ein Grund, tiefer in Albaniens Weinwelt einzusteigen. Kallmet öffnet die Tür, Shesh füllt den Alltag, aber Vlosh erzählt die raueste, älteste Geschichte: die von einer Küste, die schon Wein machte, als Rom noch ein Dorf war. Für Kenner ist er deshalb unsere Entdecker-Empfehlung unter den besten albanischen Weinen. Womit man den deftigen Vlosh am besten kombiniert, steht im Überblick Was passt zu albanischem Wein?.

Häufige Fragen

Was ist Vlosh für eine Rebsorte?

Vlosh ist eine rote autochthone Rebsorte aus Südwestalbanien, beheimatet vor allem rund um die Narta-Lagune bei Vlora. Sie ergibt rustikale, charakterstarke Rotweine mit kräftigem Tannin – eine Spezialität für Entdecker.

Wie schmeckt Vlosh-Wein?

Typisch sind herbe rote Frucht, erdige und kräuterwürzige Noten sowie ein markantes, leicht raues Tannin. Vlosh ist kein glatter Schmeichler, sondern ein Wein mit Ecken – am besten zu deftigem Essen.

Wo kann man Vlosh probieren?

Am ehesten vor Ort in der Region Vlora und in gut sortierten Weinbars in Tirana. In Deutschland ist Vlosh bislang eine Rarität – einzelne Balkan-Spezialisten führen ihn gelegentlich. Genau das macht ihn zur Trophäe für Entdecker.

Was ist der Çobo-Klon des Vlosh?

Ein historischer Vlosh-Klon, der in der kommunistischen Ära aus dem Original-Vlosh von Vlora und einer weiteren Lokalsorte gezüchtet wurde. Nur zwei Hektar überlebten die Nachwendezeit – das Weingut Çobo bei Berat rettete den Bestand. Als Färbertraube (Teinturier) hat er, anders als der klassische Vlosh, auch tiefrotes Fruchtfleisch.

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