Das Magazin für albanischen Wein & Feinkost

Von Illyrien ins Glas

Als Rom noch ein Dorf war: Die 2.500-jährige Geschichte des albanischen Weins

Von den Illyrern über Osmanen und Kommunismus bis zum heutigen Aufbruch: Die Geschichte des albanischen Weins ist eine der erstaunlichsten Europas – erzählt in fünf Kapiteln.

Von Dennis Shalja · · 10 Min. Lesezeit

Die Illyrer kelterten Wein, als Rom noch ein Dorf am Tiber war. Dieser eine Satz erklärt, warum es dieses Magazin gibt – und warum jede Flasche albanischen Weins mehr Geschichte enthält als so mancher große Name aus berühmteren Regalen. Zeit, diese Geschichte zu erzählen: in fünf Kapiteln, von der Antike bis zum Aufbruch von heute.

Kapitel 1: Illyrien – der Anfang

Lange bevor es Albanien gab, gehörte die Ostküste der Adria den Illyrern – einem Verbund von Stämmen, deren Spuren sich bis in die Bronzezeit zurückverfolgen lassen. Sie waren Seefahrer, Krieger und, das belegen archäologische Funde von Trinkgefäßen und Traubenkernen, leidenschaftliche Weintrinker. Als am Tiber gerade die ersten Hütten des späteren Rom entstanden, wurde an den Hängen zwischen Meer und Bergen längst gekeltert.

Ihr berühmtester Herrscher bestieg den Thron im 3. Jahrhundert v. Chr.: König Agron, der Namensgeber dieses Magazins. Unter ihm erreichte das illyrische Reich seine größte Ausdehnung; seine Flotte kontrollierte die Adria. Der antike Historiker Polybios überliefert, Agron habe nach einem großen Sieg so ausgelassen gefeiert – mit reichlich Wein, versteht sich –, dass ihn die Feier das Leben gekostet haben soll. Man kann das als Warnung lesen. Oder als frühesten Beleg dafür, wie ernst man in dieser Ecke Europas das Feiern nimmt.

Kapitel 2: Griechen und Römer – Wein als Weltsprache

Griechische Kolonisten gründeten schon im 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. Städte an der illyrischen Küste – darunter Apollonia und Epidamnos, das heutige Durrës. Mit ihnen kamen systematischer Rebbau und der Handel übers Meer. Später übernahmen die Römer die Provinz – und mit ihr die Weinberge. Die Region blieb, was sie war: Weinland. Über die berühmte Via Egnatia, die römische Fernstraße von Durrës nach Byzanz, reisten Waren, Legionen und eben auch Wein quer über den Balkan.

Kapitel 3: Das lange Überleben – Byzanz und Osmanen

Nach Rom kam Byzanz, nach Byzanz kamen im 15. Jahrhundert die Osmanen – und mit ihnen fünf Jahrhunderte, in denen der Weinbau offiziell keinen leichten Stand hatte. Doch er verschwand nie: Die christlichen Gemeinschaften des Landes pflegten ihre Reben weiter, in den Bergdörfern wurde für den Eigenbedarf gekeltert und gebrannt. Genau dieser Rückzug ins Private hatte einen unbeabsichtigten Nebeneffekt, von dem Albanien heute profitiert: Die alten, einheimischen Rebsorten überlebten. Während Westeuropa seine Weinberge später großflächig auf internationale Moden umstellte, blieben Kallmet, Shesh und Vlosh, was sie immer waren – Gewächse ihrer Heimat.

Kapitel 4: Der große Bruch – das 20. Jahrhundert

1944 übernahmen die Kommunisten unter Enver Hoxha die Macht – und Albanien wurde zum isoliertesten Land Europas. Für den Wein bedeutete das: Verstaatlichung, Kooperativen, Planerfüllung. Die Rebfläche wuchs sogar, aber es zählte Menge, nicht Qualität; abgefüllt wurde anonym, exportiert in den Ostblock. Als das Regime 1991 zusammenbrach, kollabierte auch dieses System. Weinberge wurden gerodet oder aufgegeben, das Wissen von Generationen drohte verloren zu gehen. Ende der Neunzigerjahre war der albanische Wein da, wo er nie zuvor gewesen war: am Nullpunkt.

Kapitel 5: Der Aufbruch – Albaniens zweite Weinwerdung

Und dann begann das vielleicht schönste Kapitel. Familien holten sich ihr Land zurück – und mit dem Land die Reben. Winzer, deren Großväter noch für Kooperativen gearbeitet hatten, füllten zum ersten Mal unter eigenem Namen ab. Aus Italien und Frankreich kam Know-how zurück, mitgebracht von Rückkehrern aus der Emigration. Seit den 2000er-Jahren entsteht so eine neue Weinszene: klein, familiär, ehrgeizig – und mit dem Trumpf der autochthonen Rebsorten, um den sie jedes große Weinland beneidet.

2.500 Jahre Geschichte, fünf Imperien, eine Diktatur – und die Reben stehen immer noch. Wenn ein Wein Respekt verdient hat, dann dieser.

Was davon im Glas landet

Geschichte ist kein Verkostungsargument – es sei denn, man schmeckt sie. Beim albanischen Wein geht das wörtlich: Der Kallmet, den du heute öffnest, ist dieselbe Sorte, die hier seit Jahrhunderten wächst. Die Weingüter um Berat keltern an Hängen, die schon in der Antike Reben trugen. Und selbst das Olivenöl kommt teils von Bäumen, die älter sind als manche europäische Hauptstadt.

Wo du diese flüssige Geschichte kaufen kannst, zeigt unsere Kaufberatung für albanischen Wein. Und falls du dich fragst, warum dieses Magazin Agron heißt: Jetzt weißt du es. Gëzuar!

Häufige Fragen

Wie alt ist der Weinbau in Albanien?

Der Weinbau auf dem Gebiet des heutigen Albanien reicht mindestens bis zu den Illyrern zurück – also weit über 2.000 Jahre. Archäologische Funde und antike Schriftquellen belegen eine durchgehende Weinkultur an der östlichen Adria seit der Antike.

Wer war König Agron?

Agron war im 3. Jahrhundert v. Chr. König der Illyrer und führte das illyrische Reich an der östlichen Adria zu seiner größten Machtentfaltung. Antike Historiker wie Polybios berichten über ihn – der Überlieferung nach feierte er seine Siege ausgiebig mit Wein.

Warum ist albanischer Wein so unbekannt?

Vor allem wegen der Geschichte des 20. Jahrhunderts: Unter der kommunistischen Diktatur war Albanien fast 50 Jahre isoliert, der Weinbau auf Massenproduktion in Staatskooperativen ausgerichtet. Erst seit den 2000er-Jahren entsteht wieder eine Qualitätsweinszene – die im Ausland erst jetzt entdeckt wird.

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