Çobos Färber-Vlosh: Die Rettung der seltensten Traube Albaniens
Rotes Fruchtfleisch, zwei gerettete Hektar, 15.000 Flaschen: die exklusive Geschichte des Färber-Vlosh von Çobo – Albaniens seltenste Traube.
Manche Weingeschichten handeln von Lagen und Jahrgängen. Diese hier handelt von einem Beinahe-Verschwinden: von einer Traube, die es nur ein einziges Mal auf der Welt gibt – und die um ein Haar niemand mehr gekeltert hätte. Erzählt hat sie uns die Familie Çobo aus Berat selbst; im deutschsprachigen Raum ist sie bisher nirgends dokumentiert.
Ein Kind der Planwirtschaft
Die Geschichte beginnt in einer Zeit, in der Albaniens Weinbau staatlich verordnet war. In der kommunistischen Ära setzten staatliche Agronomen an, die alte Küstensorte Vlosh aus Vlora weiterzuentwickeln – und kreuzten sie über einen Zeitraum von rund zwanzig Jahren mit einer weiteren albanischen Lokalsorte. Das Ergebnis war ein eigenständiger, neuer Klon: ein Vlosh, den es so vorher nicht gab.
Dann fiel das Regime – und mit ihm die staatlichen Weinbauprogramme. Kooperativen wurden aufgelöst, Rebflächen gerodet oder sich selbst überlassen. Der neue Klon, eben erst geboren, stand vor dem Aus.
Zwei Hektar vor dem Vergessen
Was von zwei Jahrzehnten Züchtungsarbeit übrig blieb, waren zwei Hektar Reben – gepflegt von einem einzigen Bauern, der die Stöcke durch die chaotischen Nachwendejahre brachte. Zwei Hektar sind im Weinbau nichts: eine schlechte Frostnacht, eine Erbteilung, ein Bauprojekt – und eine Rebsorte verschwindet für immer. Genau so sind in Albanien etliche alte Sorten verloren gegangen.
Diese eine nicht. Die Familie Çobo – seit 1998 mit dem eigenen Weingut bei Berat dabei, Albaniens Weinerbe wiederaufzubauen – spürte den Restbestand auf und erkannte, was da an zwei Hektar hing: kein Landwein, sondern ein Stück Weinbaugeschichte.
Der Beweis in der Kelter: Schon der frische Saft leuchtet tiefrot – beim klassischen Vlosh wäre er hell. Foto: Çobo Winery
Die Rettung – und was diese Traube so besonders macht
Çobo vermehrte die Reben und pflanzte acht weitere Hektar. Heute stehen rund 23.000 Stöcke des Klons – die zusammen nur etwa 15.000 Flaschen im Jahr ergeben. Zum Vergleich: Ein einzelnes größeres deutsches Weingut füllt oft das Zehnfache ab.
Das eigentlich Spektakuläre aber zeigt sich erst, wenn man eine Beere aufschneidet. Bei fast allen roten Rebsorten der Welt ist das Fruchtfleisch hell; die Farbe des Weins kommt allein aus der Schale. Dieser Klon gehört zur seltenen Ausnahme der Färbertrauben (Teinturier): Auch sein Fruchtfleisch ist tiefrot, sein Saft läuft schon rot aus der Presse. Und während es weltweit eine Handvoll Teinturier-Sorten gibt – ein Vlosh mit rotem Fruchtfleisch existiert nur hier. Nach Angaben der Familie ist Çobo damit weltweit das einzige Weingut, das diese Traube besitzt und keltert.
Probieren heißt hinfahren
Wer diese Rarität ins Glas bekommen will, muss (noch) den schönsten aller Wege gehen: nach Berat, zu Verkostung und Kellerführung bei Çobo – ohnehin eine der lohnendsten Adressen für den Einstieg in den albanischen Wein. Nach Deutschland wird der Wein bislang nicht regulär exportiert; sollte sich das ändern, erfährst du es zuerst in unserer Kaufberatung.
Unser Fazit
Albaniens Weinbau hat viele Kapitel, die vom Überleben handeln – die Geschichte des albanischen Weins ist voll davon. Aber kaum eines erzählt sie so verdichtet wie dieses: zwanzig Jahre Züchtung, zwei Hektar am seidenen Faden, ein Bauer, eine Familie – und heute eine Traube, die es nur einmal gibt. Wenn du das nächste Mal hörst, albanischer Wein sei „unentdeckt”, weißt du: Manches davon ist im Wortsinn einzigartig. Mehr solcher Flaschen findest du in unserer Übersicht der seltensten Weine Europas.
Die Fakten dieses Artikels beruhen auf den Angaben der Familie Çobo (Juli 2026), die uns die Geschichte samt Fotos exklusiv zur Verfügung gestellt hat.
Häufige Fragen
Was macht den Vlosh-Klon von Çobo einzigartig?
Der Klon ist eine Färbertraube (Teinturier): Anders als beim klassischen Vlosh ist nicht nur die Schale, sondern auch das Fruchtfleisch tiefrot. Nach Angaben der Familie Çobo ist ihr Weingut weltweit das einzige, das diese Spielart besitzt und keltert – aus nur zehn Hektar Bestand.
Was ist eine Färbertraube (Teinturier)?
Bei fast allen roten Rebsorten ist das Fruchtfleisch hell – die Farbe des Weins stammt allein aus der Schale. Färbertrauben (französisch: Teinturier) sind die seltene Ausnahme: Ihr Fruchtfleisch und Saft sind selbst rot gefärbt. Weltweit gibt es nur wenige solcher Sorten.
Kann man den Färber-Vlosh probieren?
Am besten direkt bei Çobo in Ura Vajgurore bei Berat – das Weingut empfängt Besucher zu Verkostungen mit Führung. Die Produktion ist mit rund 15.000 Flaschen im Jahr sehr begrenzt; nach Deutschland wird bislang nicht regulär exportiert.