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Das Magazin für albanischen Wein & Feinkost

Von Illyrien ins Glas

Stammen Europas Rebsorten aus Albanien? Eine Spurensuche zwischen Antike und Rebgenetik

Illyrer-Weinbau, die Traube Kallmet und moderne Genetik: eine Spurensuche, was Albanien wirklich mit dem Ursprung des europäischen Weins zu tun hat – und was nicht.

Von Dennis Shalja · · 9 Min. Lesezeit

Antike römische Weinamphore aus Ton an einer Steinwand
Foto: Silar, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Es ist eine Frage, die man in keiner Weinschule beantwortet bekommt – und die trotzdem an den Grundfesten unseres Weinwissens rüttelt: Woher kommen eigentlich die Rebsorten, die wir für urfranzösisch, uritalienisch, urdeutsch halten? Die ehrliche Antwort lautet: Wir wissen es weit weniger genau, als die Etiketten suggerieren. Und je tiefer man gräbt, desto öfter führt die Spur nach Südosten – bis in ein Land, das heute kaum jemand mit Wein verbindet: Albanien.

Verstehen wir uns nicht falsch: Dies ist kein Text, der behauptet, „Europas Wein stamme aus Albanien”. Das wäre unseriös. Es ist ein Text darüber, was wir sicher wissen, was plausibel ist – und was eine offene, überraschend wenig erforschte Frage bleibt. Gerade in dieser Lücke steckt die eigentliche Geschichte.

Was die Wissenschaft wirklich weiß

Beginnen wir mit dem Gesicherten. Eine große genetische Studie, 2023 im Fachjournal Science veröffentlicht, hat die Herkunft der Weinrebe neu vermessen: Die Vitis vinifera wurde vor rund 11.000 Jahren gleich zweimal domestiziert – einmal im Nahen Osten (Levante) und einmal im Südkaukasus, der Wiege des Weinbaus. Von dort wanderte die Kulturrebe mit den ersten Ackerbauern nach Westen.

Der entscheidende Punkt für unsere Frage: Auf dem Weg nach Westeuropa kreuzte sich die domestizierte Rebe immer wieder mit wilden, einheimischen Reben entlang der Route. Erst aus dieser Vermischung entstanden die westeuropäischen Weinsorten. Der Ursprung liegt also nicht in Albanien – aber der Balkan lag mitten auf der Landbrücke, über die der Wein Europa eroberte. Albanien ist kein Startpunkt, aber eine uralte Kreuzung an der Autobahn der Weingeschichte. Und Kreuzungen sind selten unwichtig.

Ein Weinland, älter als die meisten Namen im Regal

Wie alt diese Kreuzung ist, wird gern übersehen. Die Illyrer – die antiken Vorfahren im heutigen Albanien – bauten bereits im 8. Jahrhundert v. Chr. eigenständig Wein an, unabhängig von den Nachbarvölkern. Die ältesten Rebkern-Funde der Region werden auf 4.000 bis 6.000 Jahre datiert. Historische Abbildungen aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. und ein Mosaik im Baptisterium von Butrint aus dem 6. Jahrhundert zeugen davon, welchen gesellschaftlichen Rang der Wein hier hatte, als anderswo in Europa noch kaum eine Rebe stand.

Weil Albaniens Geschichte danach alles andere als geradlinig verlief – Osmanenzeit, dann die jahrzehntelange Abschottung unter der kommunistischen Diktatur – blieb dem Land etwas erhalten, das anderswo längst verschwunden ist: ein Schatz an autochthonen Rebsorten, die es nirgends sonst auf der Welt gibt. Isolation als unfreiwilliger Denkmalschutz. Mehr zu dieser Entwicklung in unserem Überblick zur Geschichte des albanischen Weins.

Der beste Beleg heißt Kallmet

Hier wird es konkret – und belegbar. Nehmen wir die wohl bekannteste rote Rebsorte Nordalbaniens, den Kallmet, benannt nach einem Dorf bei Shkodra. Der Kallmet gilt in der Ampelografie als albanischer Name der Rebsorte Kadarka. Und die Kadarka ist keine Randnotiz: Sie ist bis heute eine tragende Sorte im berühmten ungarischen „Stierblut” (Egri Bikavér).

Der Name verrät die Spur: „Kadarka” leitet sich vom See Skadar ab – auf Albanisch Shkodra, an der albanisch-montenegrinischen Grenze, also genau der Region, in der auch der Kallmet zuhause ist. Über die Jahrhunderte wanderte die Sorte nach Norden, unter anderem mit Menschen, die vor den Osmanen flohen, und wurde in Ungarn zu einem Klassiker. Eine Traube vom Rand des Balkans, die ein Nationalgetränk eines anderen Landes prägt – das ist kein romantischer Mythos, sondern dokumentierte Weingeschichte.

Genau solche Fäden meinen wir. Nicht die großspurige Behauptung, halb Frankreich stamme aus Illyrien (solche Legenden kursieren – etwa um eine antike Rebe namens „Biturica” –, sind aber wissenschaftlich nicht haltbar). Sondern die nüchterne, nachprüfbare Erkenntnis, dass albanische Sorten seit Jahrtausenden in Europas Wein verwoben sind – nur hat es kaum jemand aufgeschrieben.

Warum wir so wenig wissen – und was Andreas Jung damit zu tun hat

Dass unsere Herkunftsgeschichten so lückenhaft sind, ist kein Zufall. Es liegt daran, dass die Bestimmung von Rebsorten eine der schwierigsten und seltensten Wissenschaften überhaupt ist. Einer der wenigen Menschen weltweit, die sie wirklich beherrschen, ist der deutsche Ampelograf Andreas Jung – Geobotaniker und Ethnologe, der seit Jahrzehnten historische Rebsorten identifiziert und dabei quer durch Europa forscht, von Frankreich über Kroatien und Serbien bis Georgien.

Jungs Arbeit ist für unsere Frage aus einem bestimmten Grund entscheidend: Sie zeigt, wie oft die vermeintlich sicheren Herkünfte falsch sind. Immer wieder stellte sich heraus, dass Reben, die über Generationen unter einem berühmten Sortennamen liefen, ampelografisch mit der historischen Sorte gar nichts zu tun hatten – verwechselt, umbenannt, vermengt. Wer so genau hinsieht, weiß: Das saubere Bild vom „urfranzösischen” oder „uritalienischen” Wein ist oft brüchiger, als das Etikett behauptet.

In diesem Licht wird die Balkan-Frage erst richtig interessant. Ob mehr europäische Sorten südosteuropäische Wurzeln haben, als bislang bekannt ist, lässt sich heute schlicht nicht abschließend beantworten – es bräuchte aufwendige phänologische und rebgenetische Untersuchungen, die für diese Region kaum jemand finanziert. Der deutsche Wein-Autor Matthias Neske (chezmatze) bringt es auf den Punkt: Es gebe Forscher, die vermuteten, dass viele heute mitteleuropäisch oder französisch verortete Sorten ursprünglich vom Balkan stammen – „bislang leider unbewiesen”, weil die Studien Geld kosten, das niemand ausgibt. Eine offene Frage ist eben keine beantwortete – aber auch keine widerlegte.

Vom vergessenen Ursprung zur unterschätzten Gegenwart

Und hier schließt sich der Kreis. Eine Weinkultur, die 3.000 Jahre zurückreicht, die mindestens eine Traube in ein fremdes Nationalgetränk geschickt hat und deren Beitrag zur europäischen Weingeschichte bis heute kaum erforscht ist – wenn das kein unterschätztes Weinland ist, was dann?

Das Faszinierende: Diese Unterschätzung gilt für die Vergangenheit und die Gegenwart. Dass die Qualität heute stimmt, ist kein Heimatstolz, sondern ein fachliches Urteil aus dem Zentrum der italienischen Weinwelt. Der FISAR-Sommelier Artur Bodini – Delegierter des großen italienischen Sommelierverbands für Lecce, Brindisi und Taranto – sagte uns im Interview, eine Reihe albanischer Weingüter produziere heute „genau wie italienische und französische Weingüter sehr, sehr gute Weine”. Sein Einstiegs-Tipp: Shesh und Kallmet – dieselbe Sorte also, deren Spur wir eben bis nach Ungarn verfolgt haben.

Ein Wein, dessen Herkunft so alt und so wenig erzählt ist, dass selbst die Wissenschaft erst am Anfang steht – und der im Glas trotzdem schon heute überzeugt: Das ist die eigentliche Entdeckung. Nicht, dass Europas Reben „aus Albanien kommen”. Sondern dass ein Weinland dieser Tiefe fast vollständig übersehen wird.

Unser Fazit

Nein, wir können nicht behaupten, dass Europas Rebsorten aus Albanien stammen – die Genetik verweist auf den Kaukasus. Aber wir können mit gutem Gewissen sagen: Albanien ist eine der ältesten und am wenigsten erforschten Kreuzungen der europäischen Weingeschichte, mindestens eine seiner Sorten (Kallmet/Kadarka) hat einen berühmten europäischen Wein mitgeprägt, und wie viel mehr in diesem Boden steckt, ist eine offene Frage, die niemand stellt. „Unterschätzt” ist dafür fast zu schwach. Das treffendere Wort ist: vergessen. Wer heute einen albanischen Wein öffnet, trinkt ein Stück dieser vergessenen Geschichte – und kann sie über unsere Kaufberatung selbst nachschmecken.


Quellen

  • Y. Dong et al.: Dual domestications and origin of traits in grapevine evolution. Science 379 (2023) – zur zweifachen Domestizierung im Kaukasus/Nahen Osten und zur Vermischung mit wilden Reben in Europa.
  • Wikipedia: Weinbau in Albanien – zu illyrischem Weinbau (8. Jh. v. Chr.), Rebkern-Funden (4.000–6.000 Jahre) und autochthonen Sorten.
  • Wine-Searcher & Taste Hungary: Rebsorte Kadarka – zur Namensherkunft (Skadar/Shkodra), zum Synonym Kallmet und zur Rolle im Egri Bikavér.
  • Andreas Jung, historische-rebsorten.de – zur Ampelografie und zur häufigen Fehlbestimmung historischer Rebsorten.
  • Agron-Interview mit FISAR-Sommelier Artur Bodini (2026).

Häufige Fragen

Stammen europäische Rebsorten aus Albanien?

Wissenschaftlich belegt ist das nicht. Genetische Studien verorten die Ursprünge der Weinrebe im Kaukasus und Nahen Osten. Albanien und der Balkan lagen aber direkt auf der Wanderroute, auf der die Rebe nach Westeuropa kam – und einzelne Sorten wie Kallmet sind nachweislich mit bekannten europäischen Weinen verwandt. Ob mehr dahintersteckt, ist eine offene, kaum erforschte Frage.

Wie alt ist der Weinbau in Albanien?

Sehr alt: Die Illyrer bauten hier bereits im 8. Jahrhundert v. Chr. eigenständig Wein an, und die ältesten Rebkern-Funde der Region werden auf 4.000 bis 6.000 Jahre datiert. Damit gehört Albanien zu den ältesten Weinbau-Regionen Europas.

Was hat die albanische Traube Kallmet mit ungarischem Wein zu tun?

Kallmet gilt als albanischer Name der Rebsorte Kadarka. Deren Name leitet sich vom See Skadar (Shkodra) an der albanisch-montenegrinischen Grenze ab, und die Kadarka ist bis heute eine tragende Sorte im berühmten ungarischen 'Stierblut' (Egri Bikavér).

Wer ist Andreas Jung?

Andreas Jung ist einer von weltweit nur einer Handvoll Ampelografen – Fachleuten für die botanische Bestimmung von Rebsorten. Seine jahrzehntelange Arbeit zeigt, wie viele 'bekannte' Sorten in Wahrheit falsch bestimmt oder verwechselt wurden – und wie unsicher die vermeintlich klaren Herkunftsgeschichten vieler Weine sind.

Warum gilt albanischer Wein als unterschätzt?

Weil eine der ältesten Weinkulturen Europas fast unbekannt ist – und selbst ihr Beitrag zur Weingeschichte kaum erforscht wird. Dass die Qualität heute stimmt, bestätigt auch der italienische FISAR-Sommelier Artur Bodini: Einige albanische Güter arbeiteten auf dem Niveau guter italienischer und französischer Häuser.

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